WEM MUSS ICH EIGENTLICH GEFALLEN?

 

Gestern saß ich bis spät in die Nacht mit Freunden am Europahafen.

 

Wir haben Fußball WM geschaut.

 

Das Spiel an sich interessiert mich nicht besonders, das hatte ich ja letzte Woche schon erzählt.

 

Aber irgendwann habe ich meine Freundin gefragt:

Was ist das wohl für ein Gefühl, von so vielen Menschen angefeuert zu werden? Auf dem Rasen einer WM zu stehen, tausende Stimmen im Rücken?

 

Und die Kehrseite davon: Als Torwart daneben zu greifen – und ein Gefühl von komplettem Versagen zu spüren, weil man unter Umständen eine ganze Nation enttäuscht hat?

 

In beiden Fällen ist es die äußere Wahrnehmung, die Anerkennung oder eben die Nicht-Anerkennung, die über die Bewertung entscheidet.

 

Doch das eigene Empfinden bleibt dahinter zurück.

 

Sind wir getrieben von dieser Anerkennung?

 

Oder haben wir die Freiheit, unserem Handeln und unserem Sein eine eigene Bedeutung zuzumessen?

 

Kennst du das Buch „Du musst nicht von allen gemocht werden"?

 

Genau darum geht es darin.

 

Und an einigen Stellen kann ich das sehr gut nachvollziehen.

 

 

Die Aufgabentrennung

 

Gibt es Hinweise darauf, dass es gar nicht meine Aufgabe ist, mich so zu verhalten, dass mich alle mögen, loben, gutheißen?

 

Sondern nur, mein Bestes zu geben – und alles andere den anderen zu überlassen?

 

Genau das beschreibt ein spannendes Prinzip aus der Individualpsychologie Alfred Adlers, auf der auch das Buch aufbaut: die Aufgabentrennung. Was jemand von mir hält, ist nicht meine Aufgabe.

 

Das liegt bei ihr / ihm.

 

Meine Aufgabe ist nur, wie ich handle.

 

Das entlastet.

 

Nicht weil mir plötzlich egal wird, was andere denken.

 

Sondern weil ich aufhöre, etwas zu kontrollieren, das ohnehin nie in meiner Hand lag.

 

Schauen wir, welche Impulse Yoga dafür bereithält.

 

Und im Yoga finde ich dazu eine alte Entsprechung.

 

Die Bhagavad Gita unterscheidet drei Kräfte, die durch alles hindurchziehen – auch durch unser Handeln.

 

Zwei davon: Rajas und Sattva.

 

Rajas ist die Kraft der Unruhe, der Gier.

 

Handeln, das nach etwas sucht – nach Applaus, nach Anerkennung, nach dem guten Gefühl, gesehen zu werden.

 

Es treibt an. Aber es macht auch abhängig.

 

Sattva ist Klarheit.

 

Handeln, das aus innerer Ruhe kommt – nicht aus dem Bedürfnis, gemocht zu werden.

 

Ich tue etwas, weil es richtig ist. Nicht, weil es gut ankommt.

 

 

Wie wir das üben können

 

Im Yoga Sutra beschreibt Patanjali zwei Säulen, die zusammengehören: Abhyasa, die beständige Übung. Und Vairagya, das Loslassen.

 

Nicht vom Tun.

 

Sondern von dem, was wir uns vom Tun erhoffen – Lob, Anerkennung, das gute Gefühl, gesehen zu werden.

 

Vairagya heißt nicht, aufzuhören zu wollen. Aber eben den Antrieb in uns, und nicht in anderen zu finden.

 

Es heißt, den Griff zu lockern.

 

Ich tue etwas mit ganzer Hingabe – und lasse gleichzeitig los, was daraus wird oder wie es ankommt.

 

Das übt sich nicht im Kopf.

 

Das übt sich im Tun.

 

Auf der Matte erlebe ich das ganz direkt.

 

Eine Haltung halten, ohne zur Nachbarin zu schauen, wie tief sie kommt.

 

Eine Balance verlieren, ohne mich sofort zu entschuldigen.

 

Einfach wieder ansetzen.

 

Niemand bewertet das – außer ich selbst, wenn ich es zulasse.

 

 

Genau da beginnt die Übung: den Blick von außen nach innen zu holen.

 

Nicht „wie sehe ich gerade aus", sondern „wie fühlt sich das gerade an".

 

Immer wieder. Atemzug für Atemzug.

 

Es ist kein Zustand, den ich einmal erreiche und dann habe.

 

Es ist eine Rückkehr. Immer wieder neu.

 

 

Wo mir das im Alltag begegnet

 

Manchmal zeigt es sich an etwas so Banalem wie Kleidung.

 

Gefällt es den anderen?

 

Sehe ich gut darin aus?

 

Und weniger: Fühle ich mich gut darin? Gefällt es mir?

 

Ich trage, was mir gefällt.

 

Die Glitzerschuhe, wenn mir danach ist.

 

Auch wenn sie nicht bei allen ankommen.

 

Und ich empfinde das als große Befreiung.

 

 

Denn die schlichten braunen Sneaker würden mir nur das Okay von außen geben.

 

Sicher, unauffällig, niemand runzelt die Stirn.

 

Aber innen bliebe etwas ungelebt.

 

Und ich frage mich: Wie vielen von uns geht es andersherum?

 

Wie oft entscheiden wir uns für die sicheren braunen Sneaker – und lassen die Glitzerschuhe im Schrank?

 

 

Kleidung ist da natürlich nur ein winziger und vielleicht auch recht unwichtiger erster Schritt.

 

 

Kennst du das?

 

Diesen Moment, in dem du dich für dich entscheidest – und nicht für die Meinung der anderen?

 

 

Asanas

 

Diese Woche geht es um Hüftöffner – dort halten wir oft fest, was uns klein macht.

  • Wildes Ding (Camatkarasana) – ungeordnet, sichtbar, ohne Rücksicht auf Eleganz
  • Ankle to Knee (Agnistambhasana) – die gestapelten Unterschenkel fordern ehrlich, ohne Ausweichen
  • Happy Baby (Ananda Balasana) – kindlich, offen, ohne jede Pose
  • Taube (Kapotasana) – kennst du schon von uns, aber sie passt immer wieder: loslassen, was uns begrenzt
  • Gebundene Winkelhaltung (Baddha Konasana) – sanftes Öffnen, kein Erzwingen

Ätherische Öle

 

Passend zu Hüftöffnern und dem Loslassen von Fremdbestimmung:

  • Clary Sage – emotionale Klarheit, loslassen von Kontrolle
  • Cypress – Fluss, loslassen von dem, was uns festhält
  • Bergamot – Selbstannahme, loslassen vom Vergleich
  • Wild Orange – Leichtigkeit, unbeschwerte Freude

 

Mein persönliches Resümee

 

Ich glaube, die Glitzerschuhe waren für mich nur der Anfang.

 

Wenn ich ehrlich bin, übe ich das ständig neu: mich zu fragen, ob ich gerade aus mir selbst heraus handle – oder weil ich hoffe, dass es ankommt.

 

Meistens ganz leise, in kleinen Alltagsentscheidungen.

 

Und je öfter ich mich dabei ertappe, desto leichter fällt es mir, den Griff zu lockern.

 

Nicht auf einmal.

 

Aber Stück für Stück.

 

Vairagya ist für mich kein Ziel, das ich erreiche und dann habe.

 

Es ist eine Übung, die ich immer wieder neu beginne – auf der Matte, in der Kleidung, die ich wähle, in den Sätzen, die ich sage oder eben nicht sage.

 

Vielleicht ist genau das die Freiheit, von der das Buch spricht.

 

Nicht die Meinung der anderen loszuwerden.

 

Sondern aufzuhören, mein Wert davon abhängig zu machen.

 

Reflexionsfragen

 

  • Wo handle ich gerade, um gemocht zu werden – und wo aus mir selbst heraus?
  • Was würde sich ändern, wenn mir die Meinung anderer für eine Entscheidung egal wäre?
  • Wann habe ich zuletzt etwas getan, das nicht bei allen gut ankam – und trotzdem richtig war?
  • Was ist meine Aufgabe – und was liegt eigentlich beim anderen?