Asana – das dritte Glied des Achtfachen Pfades
Als ich mit meiner Yogapraxis begonnen habe, war für mich ziemlich klar:
Yoga bedeutet, den Körper in verschiedene Positionen zu bringen. Punkt.
Ich kam aus dem Fitnessbereich.
Und da geht es nun mal um den Körper – je stärker, je beweglicher, je besser die Ausführung, desto besser bist du.
Also dachte ich:
- Je mehr Asanas ich kann, desto besser mache ich Yoga.
- Je schwieriger die Positionen, desto fortgeschrittener bin ich.
- Und wenn es richtig gut aussieht, bin ich richtig gut im Yoga.
Heute würde ich sagen: Was für ein großes Missverständnis.
Was Asana eigentlich ist
Im Yoga Sutra von Patanjali wird Asana ganz schlicht beschrieben:
Eine Haltung soll stabil und leicht zugleich sein.
Mehr nicht.
Kein Wort von kompliziert.
Kein Wort von akrobatisch.
Und noch etwas ist wichtig:
Asana ist erst das dritte Glied im Achtfachen Pfad.
Davor stehen die Yamas und Niyamas – den Umgang mit anderen und mit dir selbst haben wir in den letzten Wochen gemeinsam erkundet.
Das ist kein Zufall.
Es ist eine Reihenfolge.
Eine Richtung.
Denn wie du übst, ist wichtiger als was du übst.
Was das für die Praxis bedeutet
Nicht mehr: „Wie weit komme ich in die Haltung?"
Sondern: „Was passiert gerade in mir, während ich in der Haltung bin?"
Das klingt einfach.
Ist es aber nicht.
Gerade am Anfang habe ich die körperliche Herausforderung gebraucht, um überhaupt erst aus dem Kopf herauszukommen und mich mit meinem Körper zu verbinden.
Das Paradoxe: Je ruhiger und einfacher die Haltung, desto schwieriger wird es manchmal für mich – weil der Kopf sofort woanders hinwandert, wenn die körperliche Aufgabe nicht komplex genug ist.
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Was mich als Lehrerin am meisten berührt
Den größten Respekt habe ich vor den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die in einer Haltung ringen, suchen, ausprobieren – und trotzdem bleiben.
Mit Hingabe.
Mit Ehrlichkeit.
Mit ihrem ganzen Einsatz.
Das fühlt sich für mich viel mehr nach Yoga an als die perfekten, akrobatischen Haltungen, die wir überall auf Social Media sehen.
Diese Bilder sind schön – keine Frage.
Aber für die meisten von uns bleiben sie unerreichbar.
Und vielleicht ist das auch gar nicht das Ziel.
Was Asana für mich heute bedeutet
Es wird für mich immer unwichtiger, irgendwo hinzustreben.
Stattdessen frage ich mich: Was braucht mein Körper gerade wirklich?
Das kann sanfte Bewegung sein – aber auch Kraft, Spannung, echte Herausforderung.
Nur eben ohne die Gier nach „besseren" oder „schöneren" Positionen.
- Asana ist kein Wettbewerb.
- Keine Performance.
- Kein Beweis.
- Es ist eine Möglichkeit, dir selbst zu begegnen.
- Mal kraftvoll. Mal wackelig.
- Mal ruhig.
- Und manchmal – genau da, wo es sich nicht perfekt anfühlt – beginnt eigentlich die Praxis.
Und was hat das mit meinem Leben zu tun?
Die Praxis endet nicht, wenn wir die Matte aufrollen.
Asana – im Sinne von:
eine stabile Haltung einnehmen und uns mit Leichtigkeit öffnen – begegnet uns ständig.
Die Frage ist nur, ob wir es bemerken.
- Wie sitze ich gerade, während ich das lese?
- Wie stehe ich in der Schlange im Supermarkt?
- Wie halte ich mich, wenn ein Gespräch schwierig wird?
Drei kleine Momente am Tag, in denen du kurz anhältst.
Einen Atemzug nimmst.
Spürst, wie du gerade sitzt, stehst, dich hältst.
- Füße auf dem Boden spüren.
- Schultern loslassen.
- Kiefer entspannen.
Das ist auch Asana.
Kein perfektes Bild.
Nur du – präsent in deinem Körper.
Mitten im Leben.
Und dann ist da noch der Vergleich.
Nicht nur auf der Matte.
Sondern überall.
- Das Gehalt der Kollegin.
- Das Haus der Nachbarn.
- Die Karriere der alten Schulfreundin.
- Der Körper auf Instagram.
- Das Leben, das andere zu führen scheinen.
Vergleichen ist menschlich – das Gehirn macht das automatisch.
Es sucht ständig nach Orientierung: Wo stehe ich? Bin ich genug?
Aber was macht das mit uns?
Es zieht uns aus unserem eigenen Leben heraus.
Wir leben plötzlich nicht mehr unsere Geschichte – sondern messen uns an einer, die gar nicht unsere ist.
Und das kostet enorm viel Energie.
Energie, die uns fehlt für das, was wirklich wichtig ist.
Asana lehrt uns genau hier etwas:
Es gibt keine perfekte Haltung.
Es gibt deine Haltung – heute, in diesem Körper, in diesem Moment.
Und genauso im Leben:
Es gibt keinen perfekten Weg. Es gibt deinen Weg.
Stabil. Leicht. Ehrlich.
Vielleicht ist das die tiefste Übertragung von Asana in den Alltag – nicht die Schultern loszulassen, sondern dein Blick.
Weg vom Vergleich.
Zurück zu dir.
ASANAS
Warum die Taube?
Diese Woche stellen wir die Taube – in all ihren Facetten – in den Mittelpunkt.
Warum?
Weil unsere Hüften Geduld und Liebe brauchen.
Dort speichern wir Drama, Anspannung und alles, was wir nicht so gerne haben.
Deswegen wird es bei Hüftöffnern manchmal emotional.
Es kann sein, dass du plötzlich heftig lachen musst – oder dass die Tränen kullern.
Kann sein, muss nicht sein.
Manchmal passiert es in der Stunde, manchmal erst danach.
Manchmal gar nicht.
Wir spüren hier ganz unmittelbar den Zusammenhang zwischen dem, was im Körper passiert – und dem, was auf der mentalen und emotionalen Ebene los ist.
Und das ist eigentlich der Kern von Asana.
HIPS DON'T LIE.
LIEGENDE TAUBE (SUPTA KAPOTASANA)
Auf dem Rücken.
Sicher.
Gehalten vom Boden.
Keine Balance gefragt, kein Halten – nur Spüren.
„Ich brauche nichts zu beweisen."
SITZENDE TAUBE / FIRELOG (AGNISTAMBHASANA)
Hier zeigt sich sofort: Wie ist meine Geduld heute?
Wie mein innerer Kritiker?
Die gestapelten Unterschenkel fordern die tiefe Außenrotation beider Hüften – intensiv, ehrlich, ohne Ausweichen.
STEHENDE TAUBE (TADA KAPOTASANA)
Hüftaußenrotation trifft auf Balance.
Wer im Kopf woanders ist, fällt.
Eine der ehrlichsten Haltungen überhaupt.
„Ich bleibe präsent – auch wenn es wackelt."
SCHMETTERLING (BADDHA KONASANA)
Die Hüften zeigen sofort, wie es dir heute wirklich geht.
Kein Erzwingen, kein Drücken – diese Haltung öffnet sich, wenn wir aufhören zu kämpfen.
HALBE-TAUBE (EKA PADA RAJAKAPOTASANA)
Tiefer Stretch des Piriformis und der Hüftbeuger.
Die Haltung braucht Zeit.
Blöcke, Bolster, Geduld – alles erlaubt.
Patanjali sagt: stabil und leicht.
KÖNIGSTAUBE (EKA PADA RAJAKAPOTASANA )
Für manche heute.
Für andere irgendwann.
Für viele nie – und das ist vollkommen in Ordnung.
Die tiefste Version ist nicht die wertvollste.
Die ehrlichste ist es.
„Ich übe für mich."
ÄTHERISCHE ÖLE
CYPRESS (ZYPRESSE)
Für alle, die dazu neigen, Dinge erzwingen zu wollen statt sie zu lassen.
Cypress bringt Bewegung in das, was feststeckt – mental, emotional, energetisch.
Es schafft Flexibilität dort, wo wir starr geworden sind.
Perfekt für alle mit perfektionistischen Zügen oder dem Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu haben.
Dieses Öl erinnert uns daran: Das Leben fließt – auch ohne dass wir es steuern.
BERGAMOTTE
Für den inneren Kritiker, der nie zufrieden ist. Bergamotte löst festgefahrene Glaubenssätze auf –
das „Ich bin nicht gut genug",
das „Ich muss erst besser werden, bevor ich okay bin."
Es bringt Wärme, Optimismus und die Einladung, sich selbst so anzunehmen wie man ist.
Schön für alle, die auf der Matte – oder im Leben – hart mit sich selbst sind.
MEIN PERSÖNLICHES RESÜMEE
Natürlich habe ich früher auch zum Nachbar geschielt.
Kann ich mithalten?
Sehe ich genauso aus?
Bin ich gut genug?
Das ist am Anfang völlig normal – wir haben es so gelernt.
Vergleichen, einordnen, bewerten.
Aber je länger ich praktiziert habe, desto mehr wurde es mir schlicht egal.
Weil ich gemerkt habe: Ich übe für mich.
Und jeder Körper ist anders.
Genau das versuche ich auch meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu sagen – vor allem denen, die am Anfang mit großer Unsicherheit auf die Matte kommen.
Kann ich mithalten?
Halte ich die Gruppe auf?
Blamiere ich mich?
Nein.
Denn genau das ist eigentlich das Gegenteil von Yoga.
Wir üben miteinander.
Es gibt eine Art Energieaustausch, wenn wir gemeinsam atmen, bewegen und schwitzen.
Wir tragen uns gegenseitig – ohne Worte.
Und jeder darf sich mit sich selbst wohlfühlen.
Den eigenen, individuellen Körper ehren.
Freudig.
Gemeinsam.
Und jeder auf seine eigene Art.
Und vielleicht darf das auch über die Matte hinaus gelten – dass wir uns in unserer Individualität mehr wertschätzen.
Und die Vielfalt nicht als Störung sehen, sondern als das, was sie ist: ein Geschenk.
REFLEXIONSFRAGEN
- Welche Haltung meide ich – und was steckt dahinter?
- Übe ich gerade für mich – oder für ein Bild, das andere (oder ich selbst) von mir haben?
- Wo in meiner Praxis bin ich wirklich präsent – und wo bin ich schon wieder im Kopf?
- Was würde sich verändern, wenn ich „gut genug" als Maßstab akzeptiere?
- Welche Haltung fühlt sich gerade unangenehm an – und was sagt mir das?
- Wo vergleiche ich mich – auf der Matte oder im Leben – und was kostet mich das?
- Was braucht mein Körper heute wirklich? Und höre ich wirklich hin?
- Wie würde ich üben, wenn niemand zuschaut – nicht mal ich selbst?

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