An manchen Tagen verschlägt es mir wirklich die Sprache, und ich kann kaum glauben, dass das, was ich lese und höre, tatsächlich der Realität entspricht.
Da gibt es Menschen in Machtpositionen, die es offenbar schön finden, sich mit Preisen zu schmücken – eine Art Sammlung im Pokalschrank.
Und sie glauben ernsthaft, den Friedensnobelpreis wahrhaftig verdient zu haben.
Vielleicht würden sie ihn sogar wie einen Wanderpokal gern annehmen und stolz in eben diesen Schrank stellen.
Vielleicht schweben in ihren Gedanken auch schon ein roter oder blauer Samtumhang mit Hermelinbesatz und eine funkelnde Krone auf dem Kopf herum.
Zugegeben: Das sind keine yogischen Gedanken – neutral, wertschätzend und auf der Suche nach Verbindung.
Und doch bin ich verwirrt.
Wie kann es sein, dass Abspaltung, Besserwissen, das Suchen nach Unterschieden und das Aufteilen von Menschen in „gut“ und „schlecht“ zum Maßstab wird – und dass Wohlstand, Konsum und Ruhm die Kriterien sind, nach denen entschieden wird, wer zählt?
Ich verzweifle an diesen Werten und dachte, wir Menschen wären schon ein Stück weiter.
Dass wir längst verstanden hätten, dass es nur miteinander und in Verbindung geht – und nicht gegeneinander.
Als Yogis sind wir doch vom Einssein überzeugt und nicht vom Abspalten und Zerteilen.
Wir suchen nach Verbindung, sehen, dass wir und alles andere wie in einem Spinnennetz miteinander verwoben sind – und dass man nicht an einer Stelle ziehen kann, ohne das ganze Netz zu gefährden.
Doch wie kann ich den Gedanken von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit, die wir im Yogasutra finden, wirklich festigen?
Wie immer, überall und immer wieder:
Ich muss bei mir selbst anfangen.
Und dann stelle ich schnell fest:
Ich bin eigentlich auch nicht viel besser.
Ich verurteile mich, sortiere in „gut“ und „schlecht“ und gehe manchmal brutal mit mir selbst ins Gericht.
Alles andere als liebevoll, friedvoll und verständnisvoll.
Und auch im Umgang mit anderen Menschen glaube ich oft genau zu wissen, wer „gut“ und wer „schlecht“ ist – und verurteile oder sortiere aus.
Wie kann ich mir also anmaßen, große Worte über das Verhalten anderer zu verlieren, wenn ich innerlich selbst in diesem Muster stecke?
WAS TUN?
Der erste Schritt ist, gut mit mir selbst umzugehen:
zu bemerken, wie ich mit mir kommuniziere, das zu akzeptieren und liebevoll den Wandel zu üben – hin zu meinen Werten, also miteinander statt gegeneinander.
- Ich muss wieder ins Beobachten gehen,
- Abstand schaffen, akzeptieren –
- und die Transformation im Blick auf Ahimsa üben.
Es scheint ein ständiges Üben zu sein.
Veränderung beginnt immer bei mir selbst.
YOGASUTRA UND DIE IMPULSE DARAUS
Im Yogasutra finden wir dafür kraftvolle Werkzeuge.
Svādhyāya, das Selbststudium, lehrt uns, unsere Gedanken, Gefühle und Muster genau wahrzunehmen.
Nicht zu bewerten, nicht zu ändern – sondern zu beobachten.
So entsteht Abstand, ein Raum zwischen mir und meinen Gedanken, in dem Freiheit möglich wird.
Dieser Abstand ist entscheidend, um Vairāgya, das Nicht-Anhaften, zu üben.
Nicht an Urteilen, nicht an Rechthaben, nicht an der eigenen Meinung festzuhalten.
Nicht zu klammern an Ideen von „gut“ oder „schlecht“ – weder bei anderen noch bei mir selbst.
Doch all das geschieht nicht einmalig, sondern durch Abhyāsa – die kontinuierliche Praxis.
- Immer wieder bemerken.
- Immer wieder Abstand nehmen.
- Immer wieder akzeptieren, dass Gedanken, Bewertungen und Gefühle da sind, ohne dass wir von ihnen gesteuert werden müssen.
Wenn wir diesen Weg gehen, entsteht etwas, das wir in der äußeren Welt so sehr vermissen: echte Verbindung.
Nicht als Konzept, nicht als Ideal, sondern als gelebte Erfahrung:
Wir beginnen, aufhören zu verurteilen, anzunehmen, was ist, und uns zu öffnen – für uns selbst, für andere, für das Miteinander.
Vielleicht ist genau das der Beitrag, den Yoga uns heute anbietet:
Nicht die Welt retten.
Nicht alles richtig machen.
Sondern eine innere Haltung zu kultivieren, aus der heraus Miteinander überhaupt wieder möglich wird.
Still.
Klar.
Und zutiefst menschlich.
ASANAS DIE UNS UNTERSTÜTZEN
PRAXISIMPULSE FÜR INNERE KLARHEIT – VORBEUGEN, UMKEHRUNGEN UND HERZÖFFNER
- Paschimottanasana – sitzende Vorbeuge
- Janu Sirsasana – Kopf-zum-Knie-Vorbeuge
- Balasana – Kindhaltung
- Uttanasana – stehende Vorbeuge
- Sarvangasana – Schulterstand
- Matsyasana – Fischhaltung (Herzöffner)
- Viparita Karani / Beine an der Wand – sanfte Umkehrhaltung für Ruhe und Erdung
Abhyāsa üben außerhalb der Asanas:
- Bewusstes Beobachten von Atem, Gedanken und Körperempfindungen (das geht immer und überall)
- Abstand schaffen zwischen Beobachter und Gedanken
- Regelmäßige Übung zur Selbstreflexion und somit Festigung von Ahimsa
ÄTHERISCHE ÖLE
- Lavendel – beruhigt, fördert innere Ruhe
- Ylang Ylang – öffnet Herz und Emotionen, unterstützt Mitgefühl
- Patchouli – erdet, stabilisiert Emotionen, fördert Akzeptanz
ZUM SCHLUSS: - MEIN PERSÖNLICHES RESÜMEE
Ich möchte mich immer wieder im Alltag – und natürlich auch während meiner Yogapraxis – daran erinnern, dass ich durch Abhyāsa und Vairāgya meinen inneren Umgang mit mir selbst friedvoll und liebevoll forme.
Und dass ich diese Haltung auch ins Außen tragen möchte:
- weniger urteilen,
- mehr Verbindung suchen –
- statt das, was uns trennt, in den Vordergrund zu stellen.
Ich übe.
Und ich hoffe, dass wir Yogis gemeinsam unseren Beitrag für das Miteinander und den friedvollen Umgang bestärken und damit vielleicht sogar die ganze Welt ein kleines Stück mit anstecken.
Bist du dabei?
REFLEXIONSFRAGEN FÜR DIE PRAXIS ODER DEN ALLTAG
- Welche Gedanken oder Bewertungen tauchen bei mir am häufigsten auf – und wie reagiere ich darauf?
- Wo bin ich im Alltag oder in Beziehungen zu streng oder urteilend – und wo könnte ich mehr Mitgefühl zeigen?
- Welche kleinen Momente des Miteinanders kann ich heute bewusst wahrnehmen oder fördern?
- Wie kann ich Abhyāsa nutzen, um meine innere Haltung von Ahimsa auch in stressigen oder konfliktgeladenen Situationen zu bewahren?

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