abwarten und yogen

Kürzlich unterhielt ich mich mit Barbara über das Thema Fragen. Ihre Sichtweise und der Hinweis auf einen wunderbaren Auszug aus einem Brief von Rilke, haben mich zu diesem Thema inspiriert.

 

Abwarten gehört nicht zu meinen Stärken - wie geht es Dir damit?

 

Schnelle Antworten und Entscheidungen entsprechen mir sehr. Das stellt mich immer wieder vor große Herausforderungen, denn nicht alle ticken so wie ich. Zeit einzuräumen und abzuwägen und eine Frage für eine Weile einfach einmal unbeantwortet zu lassen - puh, das ist so schwierig für mich.

 

Schauen wir uns einmal den Auszug aus Rilkes Brief an:

 

Über die Geduld

(von Rainer Maria Rilke)

 

Man muss den Dingen die eigene, stille  ungestörte Entwicklung lassen,  die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt  oder beschleunigt werden kann,  alles ist austragen – und  dann gebären…

 

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt  und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.  Er kommt doch!

 

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…

 

Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache  geschrieben sind.

 

Es handelt sich darum, alles zu leben.

 

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages  in die Antworten hinein.

 

100 Jahre ist es ca. her, dass Rilke das schrieb und wir spüren förmlich wie rasant das Tempo zu genommen hat, wie schnell alles geworden ist und es scheint fast unmöglich, sich darauf einzulassen.

 

Ich will es versuchen und lade dich ein, in deiner Praxis langsamer zu werden - dir Zeit zu lassen - dich nicht zu drängen - Yoga zu leben und dich einfach nur wahrzunehmen ohne Ziel und ganz ohne Zweck. Dich einzulassen auf das was heute ist, ob auf körperlicher oder mentaler Ebene.

 

Alles zu leben und  wer weiß, vielleicht ohne dass es wir es merken, stellen wir eines Tages plötzlich fest, welches Wachstum ganz still und ohne Druck möglich ist. Wie stark und fest wir im Baum stehen, sei es auch noch so stürmisch im Geist.

 

 

Auf eine langsame Woche evtl. voller unerwarteter Antworten.

 

Evelyn